Samstagmorgen, Unperfekthaus in Essen. Los geht‘s.

Mehrere Menschen sammeln sich am Empfang und wollen rein. Das „Warum?“ ist schnell geklärt: Das von Agile.Ruhr veranstaltete Barcamp, geht in die 5. Runde und öffnet an diesem Tag seine Tore. Wir sagen euch, wie es war.

Aus den „mehreren“ wurden übrigens schnell richtig viele Menschen, sodass bei der Eröffnung um 10 Uhr rund 200 Leute im Raum saßen und auf dem Sessionboard viele unterschiedliche Themen platzierten. Wer jetzt aber denkt: So eine Konferenz ist doch eher dröge – weit gefehlt! Schon bei der Vorstellungsrunde gab es viel Gelächter. So suchte eine Firma statt Mitarbeitern „Jobs“, ein junger Mann stellte vor lauter Aufregung statt seines Twitter-Handles seinen Tinder-Namen vor und eine Frau leitete ihre Präsentation mit den Worten „Ich begleite […] Immobilien in Umbruchsituationen…“ ein.

Wie es bei Barcamps üblich ist, wurde ein bunter Blumenstrauß an Themen identifiziert:

Übrigens: Damit sich auch jeder an die vorgegebenen 45 Minuten hielt, kam nach rund 30 Minuten meist ein Mitglied des Orga-Teams vorbei und hielt wortlos einen Zettel hoch:

Darauf stand zu lesen: „Gong. Es sind 30 Minuten vorbei.“

Tag 1: „Gehen wir los!“

Wie vielfältig man sich dem Thema “Agilität” nähern kann, zeigte bereits die Fülle an Sessions für den ersten Tag: Von “Holacracy” über “Transparenz in der ganzen Firma” bis hin zum “Agilen Betriebssystem für Organisationen” wurden über 40 Veranstaltungen angeboten. Neben der Frage, warum Agilität Organisationen helfen kann, effizienter und erfolgreicher zu sein, stellten viele Sessions auch die wichtigste Ressource eines jeden Unternehmens in den Mittelpunkt: die Mitarbeiter. Wie können wir besonders in Teams ein Miteinander gestalten, welches unsere Zusammenarbeit befruchtet?

Auf dem Barcamp war ein Vorschlag dafür die “Personal Map” im Sinne des Management 3.0 Leitfadens. Wir selbst arbeiten bei communicode viel mit dem Role Model Canvas, um unsere Rollen und Verantwortungen im Team sichtbar zu machen, zu diskutieren und weiter zu entwickeln. Die “Personal Map” geht hier noch einen Schritt weiter: Über die berufliche “Rolle” hinaus wird ein Mindmap entwickelt, in dessen Mittelpunkt das eigene Ich steht. Cluster wie “Freunde”, “Interessen”, “Arbeit”, “Ziele”, “Werte”, “Familie” und “Bildung” geben den Anstoß zum persönlichen Brainstorming. Das Ergebnis ist ein großes Schaubild, das die unterschiedlichen Facetten einer Person präsentiert. Wichtigste Maxime beim Ausfüllen der Personal Map: Ich zeige so viel von mir selbst, wie ich gerne teilen möchte. Am Ende stellt jedes Teammitglied die Map eines anderen Kollegen der Gruppe vor.

Das Ergebnis: Wir entdecken neue Seiten an unseren vielleicht schon langjährigen Kollegen, finden gleichzeitig Gemeinsamkeiten und kommen ins Gespräch. Diese Transparenz fördert Empathie und lässt andere Teammitglieder aktuelle Lebenssituationen des Team-Partners besser verstehen. Dadurch entstehen neue Chancen für die Zusammenarbeit im Berufsalltag: Ich bekomme ein besseres Verständnis für mein Gegenüber und dieser für mich. Bei der Arbeit können wir dies Nutzen, um besser auf unsere jeweiligen Bedürfnisse einzugehen.

Tag 2: „Einfach mal machen!”

Der zweite Tag vom Camp begann wie der erste: Mit einem gemeinsamen Frühstück. Und dann wurde es auf dem Sessionboard schon wieder voller. Vertiefungssessions und neue Themen gaben sich die Klinke in die Hand.

Prominent besetzt war an diesem Tag das Thema “Agile Transformation”. In diesem Bereich gibt es sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch bei der Umsetzung in den Unternehmen noch großen Nachholbedarf. Deutlich wurde in diversen Diskussionen, dass man als Unternehmen bereit sein muss, sich abseits der eingefahrenen Gleise zu bewegen.

Passend dazu war auch der folgende Beitrag: Wenn man im Allgemeinen von Schulden spricht, haben die meisten ihr Bankkonto oder Kredite im Kopf. In der IT gibt es noch die “technischen Schulden”, welche sinngemäß die schlechte Umsetzung von Software bezeichnen. Gar nicht mal so auf dem Radar – aber nicht minder wichtig – sind die organisationalen Schulden. Heißt: Was kann man als Unternehmen alles falsch machen, wenn man Prozesse angeht und Veränderungen herbeiführen will?

Das Thema fand viel Zustimmung und wurde intensiv diskutiert. Fazit: Wenn man Veränderungen will, dann muss man es richtig machen und nicht auf halbem Weg stehen bleiben. #EinfachMalMachen eben….

Besonders spannend wurde es in der Session “Liberating Structures”. Wer kennt das nicht? Ein Meeting steht an und der Einladende/Moderator ist mehr oder weniger zu einer One-Man-Show gezwungen.
Hier setzt das Modell der Liberating Structures an und will Meetings interaktiver und lebendiger gestalten. Trotz zugegebenermaßen am Anfang vorhandener Skepsis, dieses Modell hat eine Chance verdient. Klar, es gibt den eher passiven Teil mit “Schreibe deine Antwort zu einer Frage auf” (und dafür hat man nur eine Minute). Aber schon danach geht es direkt in die Diskussion mit einer immer größer werdenden Gruppe. So filtern sich immer schnelle gute und richtige Ideen/Ansätze heraus. Spätestens beim Sammeln von Verbesserungsvorschlägen kam dann aber im wortwörtlichen Sinne Bewegung ins Spiel: Alle Teilnehmer wurden aufgefordert, Verbesserungsvorschläge zu nennen, weiterzureichen und dann die Vorschläge zu bewerten. Nachdem die Vorschläge mit den besten Bewertungen gesammelt waren, wurde als nächstes geklärt: “Und was kannst DU ganz persönlich dazu beitragen, dass das gelingt?” Symbolisch wird so klar: Veränderungen beginnen bei jedem einzelnen von uns im Kleinen. Und jeder kann etwas zum Gelingen beitragen.

Bei bestem Wetter ging danach das Camp mit einer Retro zu Ende.

Unser Fazit

Wie schon beim Agile.Ruhr Day im letzten Jahr hat sich der Besuch dieses Camps mehr als gelohnt! Die meisten Sessions waren keine reinen Vorträge, sondern luden zum Mitmachen ein. Zum Teil sogar mit ganzem Körpereinsatz. „Wenn jemand auf dich zukommt und mit dir reden will, dann ist das erstmal etwas Positives.“ Dieser Satz fiel im letzten Jahr auf unserer Veranstaltung communiversity, passt aber nach 12 Monaten immer noch wie die berühmte Faust aufs Auge. Die Teilnehmer waren durch die Bank mit viel Spaß, Freude und Einsatz dabei. Gerade der rege Austausch zwischen Neulingen und „alten Hasen“ war immer wieder spannend.

Stehen bleibt aber auch: Agilität ist, was man daraus macht. Es gibt kein „One size fits it all“, sondern man muss immer auf die jeweils individuellen Gegebenheiten eingehen. Besonders wichtig ist dabei, sich für eine erfolgreiche Transformation komplett auf den Prozess einzulassen. Nur mal so „ein bisschen agil“ funktioniert nicht. Und: Man lernt nie aus. Für uns war es – wieder mal – eine sehr inspirierende Veranstaltung. Wir kommen gerne wieder!

PS: Als “Veränderungskraft” stellte sich eine Teilnehmerin ganz zu Anfang vor. Was im ersten Moment zum Schmunzeln einlud, macht nach 2 Tagen Agile.Ruhr Camp jedoch Sinn. Denn agiles Arbeiten erfordert immer auch den Mut und Willen zur Veränderung von Strukturen und Abläufen im Unternehmen.